Vom Autohändler zum Nachwuchsregisseur

Im Gespräch mit Ali Hakim
Dreharbeiten in Wilhelmsburg mit u.a. Ali Hakim (r.) und Hauptdarstellerin Emma Drogunova (2.v.l)

Mit „Bonnie & Bonnie" läuft in dieser Woche Ali Hakims Langfilmdebut und Wilhelmsburg-Movie in den deutschen Kinos an. Doch bis hierhin war es ein langer Weg – wir sind ihn für euch im Schnellverfahren abgelaufen. 

Wofür ein Flug nach Bangkok doch alles gut sein kann: Am 24. Oktober startet Ali Hakims Langfilmdebut „Bonnie & Bonnie" in den deutschen Kinos. Das Exposé hat er auf dem Weg in den Urlaub geschrieben. Die Geschichte um zwei sich liebende Teenie-Mädchen, die Geld aus einer Bar stehlen und anschließend mit einem gestohlenen Auto auf der Flucht sind, hatte er natürlich schon länger im Kopf, doch im Flugzeug bracht er sie zum ersten Mal auf Papier. Und dann ging alles ganz schnell: „Als ich zurück war, hab ich das Skript finalisiert und an den NDR geschickt – wenige Tage später kam der Anruf, dass ihnen das Exposé gefällt. Am richtigen Drehbuch habe ich dann im Anschluss gemeinsam mit Autorin Maike Rasch gearbeitet", sagt Hakim. Im September 2018 drehte er in Wilhelmsburg und Umgebung an rund 20 Tagen sein Spielfilmdebut, im September 2019 feierte "Bonnie & Bonnie" auf dem Filmfest Hamburg seine Premiere.

Maike Rasch und Ali Hakim beim Filmfest Hamburg 2019

Läuft bei ihm, dabei war der Weg bis hierher alles andere als einfach. 1989 floh der damals Vierjährige mit seiner Familie aus Afghanistan nach Deutschland. Zuerst wurde die Familie in einem Flüchtlingsheim in Rendsburg untergebracht, 1994 ging es dann weitere nach Hamburg Wilhelmsburg, wo Hakim auch heute noch wohnt. An die Flucht kann sich der heute 34-Jährige nicht mehr erinnern, sein Geburtsland spielt jedoch trotzdem eine große Rolle in seinen Filmen: „Eigentlich hat jeder meiner Filme außer Bonnie & Bonnie einen Bezug zu Afghanistan. Den Kurzfilm" Taweez" habe ich im Jahr 2014 sogar dort gedreht – das war der anstrengendste Dreh, den ich bisher hatte", sagt der Hamburger Filmemacher. Und in einem seiner neuesten Projekte namens "Mantu" geht es um einen afghanischen Autohändler, der den letzten deutschen Imbiss in der Hamburger Billstraße vor der Pleite retten soll. Die Inspiration zieht Hakim – wie so oft – aus Erfahrungen der letzten Jahre. So hat der Filmemacher während seines Studiums an der Medienakademie in Hamburg als Gebrauchtwagenhändler gearbeitet, um sich über Wasser zu halten. Eine Erfahrung, die ihm jetzt zugutekommt: „Das ist eine ganz andere Welt mit anderen Regeln und Gesetzen – das pack ich jetzt in meinen neuen Film", verrät Hakim.

Seinen Kurzfilm "Taweez" hat Ali Hakim in Afghanistan gedreht

Auf die Idee zu "Bonnie und Bonnie" kam er durch ein paar Jugendliche aus seiner Nachbarschaft, die mehrfach Tankstellen und Casinos ausgeraubt hatten. Und da er ein großer Fan von Lovestories ist, brachte er einfach beides zusammen und strickte eine „Bonnie und Clyde"-Geschichte, mit einem kleinen Unterschied: „Ich wollte mit meinem Film stärker die Frauenperspektive in den Vordergrund stellen, ohne dass der Film thematisch zu sehr um das Thema Homosexualität kreist. Meine zwei Protagonistinnen denken im Film nie darüber nach, warum sie lesbisch geworden sind", sagt Hakim. Die beiden Hauptdarstellerinnen Emma Drogunova und Sarah Mahita waren dabei ein echter Glücksfall. Eigentlich sollte Hakims Geschichte in einem palästinensischen Milieu spielen, doch das Casting warf alle Pläne über Bord. Emma überzeugte den Regisseur so sehr, dass er gemeinsam mit seiner Drehbuchpartnerin Maike Rasch das Drehbuch umschrieb und aus der palästinensischen eine albanische Familie machte. Warum das? „Emma sah einfach kein bisschen palästinensisch aus", so Hakim.

Schon ein bisschen her: Ali Hakim und seine Schwester Elaha

Die Dreharbeiten selbst liefen sehr reibungslos, alle Drehorte lagen dicht beieinander, um das Budget nicht unnötig in die Höhe zu treiben. Und ohne es zu wissen, hatte das Filmteam sich in Wilhelmsburg tatsächlich ein albanisches Viertel für einen Großteil seiner Dreharbeiten herausgesucht. Finanziellen Support gab es vom Nordlichter-Programm, einer Nachwuchs-Initiative von NDR, der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein und nordmedia. Produziert wurde das Drama von der Hamburger Firma Riva Film.

Trailer - Bonnie & Bonnie

Doch das Leben eines Filmemacher besteht natürlich nicht nur aus Dreharbeiten: Wer Ali Hakim mal abseits seiner Filmprojekte treffen will, hat abends im "Clockers" in der Paul Roosen Straße oder im "Standard" gute Chancen. „Hier ist viel Stammkundschaft und es ist noch nicht so touristisch überlaufen", sagt der Filmemacher und Cocktail-Liebhaber. Tagsüber sitzt er gerne in einem der Cafés in der Karolinenstraße oder natürlich in seinem Büro in Rothenburgsort.

Mittlerweile hat Ali Hakim mit "Lets be awesome" seine eigene Produktionsfirma gegründet

Wollte er eigentlich schon immer Filme machen? Nicht unbedingt. „Für mich sind zwei Dinge im Leben gesellschaftsprägend: Wissenschaft und Kunst. Als Jugendlicher wollte ich immer Astrophysiker werden, habe mich jedoch auch für die bildende Kunst interessiert. Ich war also etwas zwiegespalten" so Hakim. Die Entscheidung fiel dann im Philosophieunterricht in der 11. Klasse, als es seiner Lehrerin gelang, ihn für alte Filmklassiker wie Citizen Kane zu begeistern. Es folgte eine Abschlussprüfung über "Matrix" und die Gewissheit, dass es in den Filmbereich gehen soll. Zahlreiche Praktika und Kurzfilme später und mit seiner Firma "Lets be awesome" im Rücken, ist er jetzt mit seinem Spielfilmdebut auf der großen Leinwand zu sehen. Ein langer Weg, der jedoch noch lange nicht zuende ist.


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