"Liebe deine Protagonisten"

Series Lab 2019
Björn Vosgerau von Wüste Film aus Hamburg in seiner Session

"Haus des Geldes", "Tatortreiniger" oder "Babylon Berlin" – die europäische Serienlandschaft konnte in den letzten Jahren starke Formate hervorbringen. Beim Series Lab vom 17. bis 19 Juni trafen renommierte europäische Autoren und Produzenten auf Skript Doctors und Finanziers. Mit dabei: zahlreiche spannende Serienprojekte aus Hamburg.

Serien sind für Streaming-Plattformen zu Bild gewordenes Gold und für Kunden oftmals DER Grund, um sich für oder gegen eine Plattform zu entscheiden. Doch was macht eine gute Serie wirklich aus? Und wie kann man eine spannende Idee zu einer noch spannenderen Serie machen? Genau darum ging es vom 17. bis 19. Juni beim Series Lab Hamburg in der HafenCity. 22 renommierte Autoren- und Produzententeams aus ganz Europa trafen hier auf vier Script-Doctors, die in kleinen Gruppen an unterschiedlichen Stoffideen gearbeitet haben. „Es ist die Mischung aus Networking, Script Development und Finanzierung in sehr persönlicher Atmosphäre, die die Einzigartigkeit des Formats ausmacht", sagt Christiane Siemen vom Creative Europe Desk Hamburg, das die Veranstaltung gemeinsam mit der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein und Letterbox Filmproduktion ausrichtet.

Die Teilnehmer und Organisatoren des Series Lab 2019

Gleich mehrere Teams kamen aus Hamburg, einige Serien sollen sogar komplett in der Hansestadt gedreht werden. So beispielsweise die Serie „Fight for your right" von der Hamburger Produktionsfirma "Wüste Film". Im Zentrum des Plots steht eine Hausgemeinschaft in Hamburg St. Pauli, die sich mit ungewöhnlichen Mitteln gegen den Rausschmiss aus den eigenen vier Wänden durch einen Investor wehren will. „Es soll keine St. Pauli Rotlichtserie werden, unser Hauptaugenmerk liegt auf dem Problem der Gentrifizierung – und das gibt es leider weltweit ", verrät Produzent Björn Vosgerau. Autor Oke Stielow ergänzt: „Angefangen hat jedoch alles mit der Idee, dass eine Gruppe von Menschen gewaltlos durch Erpressung versucht, Menschen aus dem Finanz- und Bausektor in ihre Schranken zu weisen. Sie gehen dabei ziemlich kreativ vor". Als Regisseur hat man einen waschechten Hamburger im Kopf, der sich bereits durch seine letzten Arbeiten mit diversen Submilieus sehr gut auskennt: Ozgür Yildirim hat gerade die dritte Staffel "4 Blocks" in Berlin abgedreht und mit Wüste Film den Tatort „Alles was sie sagen" im vergangenen Jahr umgesetzt. Hier schlummert also jede Menge Hitpotential. Ihre Session hatten Stielow und Vosgerau mit Script-Doctor Claire Armspach, die "Head of Drama Development" bei SVT Productions aus England ist. Und was nehmen die beiden aus dem Gruppengespräch mit? „Wir haben gemerkt, dass es noch es noch ein paar Schwachstellen gibt. Gerade für die jüngere Generation ist der Begriff „Heimat" vielleicht gar nicht so wichtig, wie wir angenommen haben. Da werden wir jetzt nochmal etwas drauf herumdenken", sagt Oke Stielow.

Oke Stielow (l.) und Björn Vosgerau stellen ihr St. Pauli Projekt vor
Autorin Maria von Heland (Mitte) ist bester Laune

Ein anderes waschechtes Hamburg Projekt ist "Große Freiheit" von der Hamburger Produktionsfirma Red Balloon. Produzentin Dorothe Beinemeier war gemeinsam mit ihrer schwedischen Autorin und Regisseurin Maria von Heland angereist. Die Serie soll im Hamburg der 60er Jahre spielen und eine fiktive, blutjunge UK-Band in den Fokus rücken – eine Geschichte, die einen unweigerlich an die Hamburger Zeit der Beatles denken lässt, mit den Pilzköpfen jedoch nichts zu tun hat. In der Session zeigte sich, worauf es den Script-Doctors ankommt: „Was genau ist die Story bei eurer Serie? Wo sind die Turning Points in der Handlung? Und was ist eurer Meinung nach die Motivation der Hauptfiguren?" fragt Maggie Boden in die Runde, die mit ihrer Firma Big Light Productions bereits an Serien wie „The Man in The High Castle" oder "Medici: The Magnificent" mitgewirkt hat und weiß, wovon sie spricht. Auch Script-Doctor John Yorke arbeitete intensiv mit den Teilnehmern an Dramaturgie und Inhalt: „Es gibt viele faszinierende Stoffe, die jedoch manchmal noch zu kompliziert sind. Der Fokus muss auf den Protagonisten liegen, man muss sie wirklich lieben, daran arbeiten wir."

"Man muss die Protagonisten lieben": Script-Doctor John Yorke bei der Arbeit

In die Welt der Sagen entführt uns Letterbox Filmproduktion mit „Kriemhild – The Nibelungs", in der die Nibelungen-Sage aus weiblicher Sicht erzählt wird. „Die Nibelungen haben mich schon als Kind fasziniert. Als ich vor kurzem meinem Sohn daraus vorgelesen habe, war ich wieder so fasziniert von Kriemhild, weil mir klar wurde, dass sie eine moderne Heldin ist und für ganz viele Frauen mit ihren Schwierigkeiten und Bedürfnissen heute steht. Das Vorlesen war für mich der Startschuss, diese geniale Geschichte endlich aus der Sicht der Frauen zu erzählen. Ich habe das Grundgerüst im Januar 2018 in knapp zwei Wochen geschrieben, bei der Hessenfilm eingereicht, das ganze erst mal vergessen und dann die komplette Fördersumme im April bekommen", verrät die Autorin Kathrin Feistl. Eine kleine Meisterleistung, die in der Session sehr gut angekommen ist und viel Zuspruch bekommen hat. „Wir sehen das Series Lab als Versuchslabor, um in einer sehr frühen Phase bereits Feedback zu bekommen", sagt Producer Torsten Götz von Letterbox.

Kathrin Feistl (l.) und Torsten Götz im Gespräch mit Script-Doctor Maggie Boden

Der große Gewinner des Series Lab kommt zwar aus Hamburg, spielt aber ganz woanders: Bereits im Jahr 2012 konnten die beiden HMS-Absolventen Stefan Gieren und Max Zähle mit ihrem Kurzfilm „Raju" eine Oscarnominierung einfahren. Jetzt will das Duo die Geschichte um ein Ehepaar, das in Indien ein Kind adoptieren will und dabei auf einen Kinderhandel-Ring stößt, nochmal im Serienformat erzählen – und wurde für sein Konzept mit dem NDR-Albatross ausgezeichnet, der am Ende des Lab verliehen wurde und mit 7.500 Euro dotiert ist. „Wir haben aktuell sechs Folgen a 60 Minuten im Kopf. Max und ich haben damals schon bei der Recherche für unseren Kurzfilm gemerkt, dass in der Geschichte wesentlich mehr drinsteckt", sagt Produzent und Autor Stefan Gieren, der zuletzt mit „Whatever Happens Next" im Kino zu sehen war. "Der emotionale Teil der Geschichte soll dabei nach wie vor ein wichtiger Aspekt bleiben, dem Menschenhandel und auch diversen Umweltaspekten möchten wir in der Miniserie mehr Raum geben" ergänzt Regisseur und Autor Max Zähle, dessen Kinodebut "Schrotten" 2016 beim Filmfestival Max Ophüls Preis lief und direkt den Publikumspreis gewonnen hat.

Stefan Gieren (4.v.r) und Max Zähle (3.v.r.) mit u.a. Christiane Siemen (3.v.l.) bei der Preisübergabe

Doch selbst die beste Serie mit dem stärksten Storytelling nützt wenig, wenn kein Geld da ist, um sie zu produzieren. Und so wurde im Rahmen des Series Lab ein Speeddating veranstaltet, an dem 22 potenzielle Finanziers teilnahmen. Hierzu zählten unter anderem Sky Deutschland, NDR und ZDF enterprises. „Die Bereitschaft europäischer Finanziers am Lab teilzunehmen zeigt, dass es auch jenseits der großen Plattformen eine lebendige Serienlandschaft gibt, in der Koproduktionen durch Sender, Weltvertriebe und Förderung finanziert werden", sagt Christiane Siemen.

Entstehen hier also gerade die europäischen Serien von morgen? Gut möglich, denn reichlich Potenzial ist in jedem Fall vorhanden! Wir sind gespannt, welcher Stoff es in den nächsten Jahren ins Fernsehen schafft.

Catrin Eichinger / Daniel Szewczyk

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