Interview>Verlust eines Insel-Paradieses

09.09.2019
Kinostart "Der Esel hieß Geronimo"Verlust eines Insel-Paradieses

"Der Esel hieß Geronimo" startet am 19.09. in den deutschen Kinos

Eine Gruppe von Seemännern lebt jahrelang auf einer winzig kleinen Insel – bis sie sich im Streit von ihrem Eiland trennen müssen. Die Dokumentation „Der Esel hieß Geronimo" begleitet die ehemaligen Bewohner zurück in die Realität des Festlandes. Wir haben mit den beiden RegisseurInnen Bigna Tomschin und Arjun Talwar über norddeutschen Humor und paradiesische Orte gesprochen.

Wie seid ihr auf die Geschichte und eure Protagonisten gestoßen?

Arjun Talwar: Wir waren in Flensburg zu Besuch und zu der Zeit war „die Insel" gerade überall Gesprächsthema Nummer eins. Es war der Sommer, als die Bewohner der Ochseninsel ihr Paradies verlassen mussten und ans Festland nach Flensburg zurückgekehrt sind. Alle fragten sich: Was war auf der Insel passiert?

Bigna Tomschin: Es hat nicht lange gedauert und wir sind den Insulanern am Tresen einer Bar begegnet. Sie erzählten uns phantastische Geschichten von diesem magischen Ort, der nur einen Steinwurf vom Festland entfernt liegt. Dieser Ort hatte auch für uns direkt eine enorme Sogkraft. Doch wir spürten auch, dass alle Bewohner mit gebrochenem Herzen zurückgekehrt waren.

Wie lange habt ihr die Seemänner mit eurer Kamera begleitet und wie viele Tage selbst auf den Kuttern verbracht?

Arjun Talwar: Es waren viele Tage und vor allem Nächte unter Deck. Wir haben über einen Zeitraum von drei Jahren gedreht. Die beiden Fährmänner Ollie und Lars haben uns angeboten jeweils bei ihnen auf dem Schiff zu wohnen, was wir sehr gerne angenommen haben. Die Fähre war ja zu der Zeit schon nicht mehr in Betrieb.Da haben wir dann oft geschlafen.

Bigna Tomschin: Der Film konnte eigentlich nur so entstehen. Alle Protagonisten unseres Films lebten auf Schiffen, deswegen war es sehr wichtig für uns, in dieses Universum einzutauchen.

Erst Inselparadies, dann Objekt der Sensucht: Die Ochseninsel in der Ostsee

Konntet ihr anfangs etwas mit dem norddeutschen Humor anfangen?

Bigna Tomschin: Der Norddeutsche Humor ist in der Tat sehr speziell und wir Landratten mussten uns zuerst einmal daran gewöhnen. Der Charme und Humor unserer Protagonisten hat den Film stark geprägt, denn obwohl es eine Geschichte über Verlust und Sehnsucht ist, steckt bei allen Gesprächen eine gute Portion Schalk dahinter.

Arjun Talwar: Ein guter Film kombiniert für mich eigentlich immer das Tragische mit dem Komischen.

Arjun Talwar
Bigna Tomschin

Der Film ist über weite Strecken sehr düster gehalten, war das von Anfang an so geplant?

Arjun Talwar: Wir wollten am Anfang des Films zeigen wie tief der Verlust des Insel-Paradieses sitzt. Die Realität auf dem Festland kann einfach nicht mit dem Traum einer Insel mithalten. Im Film geht es um einen Neuanfang, wie nach einer Trennung oder einem Unglück. Es war uns wichtig, diesen Weg zu zeigen: Der Anfangsschmerz wandelt sich langsam, bis sich das Blickfeld wieder öffnet für neue Wege und Träume.

Bigna Tomschin: Dazu kommt, dass es unter Deck tatsächlich sehr düster ist! Ohne Tageslicht gerät man schnell einmal in einen komischen, zeitlosen Zustand.

Was war für euch die größte Herausforderung bei dem Projekt?

Bigna Tomschin: Beim Dokumentarfilm geht man von einer realen Geschichte aus und das ist tatsächlich oft schwierig. Die Insel hat vielen Menschen etwas bedeutet und wir haben durch die Recherche wunderbare Leute getroffen. Wir haben zuerst versucht, all diesen Geschichten gerecht zu werden, haben dann aber gemerkt, dass wir uns fokussieren müssen.

Arjun Talwar: Es geht im Film deshalb weniger um die reale Geschichte der Ochseninsel, als um den Traum von einer Insel, um die Sehnsucht nach einem verlorenen Ort. Wir haben uns auf einen kleinen Aspekt der Realität konzentriert.

Bigna Tomschin: Ich glaube, gerade deswegen können sich auch so viele Menschen mit der Geschichte identifizieren. Diese Sehnsucht nach einem „anderen" Leben hat etwas sehr Universelles.

Trailer - Der Esel hieß Geronimo

Warum sollte man „Der Esel hieß Geronimo" auf gar keinen Fall im Kino verpassen?

Arjun Talwar: Ich denke, unser Film entführt den Zuschauer in eine andere Welt – einerseits ist da diese norddeutsch-raue Welt, voll von schwarzem Humor und Seemanns-Garn, andererseits eine fast surreale,
magische Kraft, die von dieser Insel ausgeht.

Bigna Tomschin: Es macht auf jeden Fall Spaß, den Film zu schauen und sich auf diese Reise einzulassen. Man fragt sich automatisch: Könnte ich auf einer Insel nur mit einer kleinen Gruppe von Menschen
leben?

"Der Esel hier Geronimo" hatte seine Premiere beim DOK Leipzig 2018

Gibt es für euch auch einen paradiesischen Ort, an dem alles perfekt zu sein scheint?

Arjun Talwar: Das Paradies und vor allem die "paradiesische Insel" beschäftigen die Menschen seit jeher, von der Bibel bis zu Robinson oder der Odyssee. Es ist wie ein uralter Traum, der in unserer Kultur und Vorstellungswelt weitergegeben wurde. Aber das Gemeine am Paradies ist, dass es einem immer irgendwie durch die Lappen geht! Viele Menschen kennen das, sei es das Nachtrauern an eine unbeschwerte Kindheit oder die Sehnsucht nach dem Heimatland. Irgendwie bleibt das Paradies immer eine ungreifbare Fiktion.

Bigna Tomschin: Mich beschäftigt das oft, dieses Ur-Gefühl, dass mit der Welt etwas nicht stimmt und es irgendwo etwas richtig Schönes geben muss. Die Suche danach macht das Menschsein erst so richtig interessant.

Welche Filmprojekte stehen bei euch als nächstes an?

Arjun Talwar: Wir arbeiten gerade zusammen an einem Film über die Wahlen in Indien.

Bigna Tomschin: Demokratie ist wohl auch eine Art Utopie, der wir alle verzweifelt hinterherrennen.

Fotostills: Lo-Fi Films

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