Interview>Alzheimer aus der Kinderperspektive

10.05.2019
Romys SalonAlzheimer aus der Kinderperspektive

Mit ihrem Film "Romys Salon" zeigen Regisseurin Mischa Kamp und Autorin Tamara Bos, wie unterschiedlich Kinder und Erwachsene mit der Erkrankung Alzheimer umgehen. Ein gefühlvolles Drama, das jüngst beim Kinderfestival in Kristiansand den Award für den besten Film bekommen hat und im Spätherbst in den deutschen Kinos startet.

Wie bist du auf das Thema Alzheimer gekommen?

Tamara Bos Die Idee für die Geschichte hatte ich schon vor 15 Jahren. Meine Großmutter bekam ebenfalls Alzheimer und fing an, Dinge zu vergessen. Ihr Charakter änderte sich. Sie war immer eine sehr disziplinierte Frau, machte dann jedoch immer mehr Dinge einfach so, weil sie Lust darauf hatte. Für mich war das damals eine angenehme Veränderung. Wir kamen uns dadurch näher. Für meine Mutter war es hingegen sehr schwer mit anzusehen, wie sich meine Oma, ihre Mutter, so veränderte. Die unterschiedliche Einstellung von meiner Mutter und mir zur Krankheit meiner Oma, hat mich dazu inspiriert, das Drehbuch zu schreiben.

Hast du schon während des Schreibprozesses über eine Filmadaption nachgedacht? Denn der Film ist ja zuerst als Roman erschienen.

Tamara Bos Es gab tatsächlich zuerst das Filmskript. Ich wollte die Geschichte am Anfang nur aus der Sicht eines Kindes erzählen, da ein Kind die Dinge anders erlebt und sieht. Während des Schreibens habe ich dann versucht, den Film aus drei verschiedenen Perspektiven zu erzählen – aus der Perspektive der Großmutter, der Mutter und der Tochter. Die Finanzierung gestaltete sich allerdings als sehr schwierig. Also habe ich mir gesagt: Ich mache daraus ein Kinderbuch. Nachdem der Roman 2016 veröffentlich wurde, habe ich dann eine neue Version des Filmskripts geschrieben, in der die Kinderperspektive wieder in den Fokus rückte. So kam ich dann zurück zu der Ursprungsidee. Es war ein langer Prozess.
Postproduktion in Hamburg: v.l. Produzentin Anette Unger, Malika Rabahallah (FFHSH), Mischa Kamp und Tamara Bos

Wie bist du auf die Idee mit dem Frisörsalon gekommen?

Tamara Bos In der Nähe meines Hauses gibt es einen Frisörsalon, in dem immer eine ältere Frisörin mit ihrem Ehemann war. Ihr Mann verstarb dann plötzlich, doch ihre Enkelin kam jeden Tag nach der Schule in den Salon, schaute dort Fernsehen oder ging in die Wohnung über dem Salon. Ich dachte mir, dass es schöner wäre, wenn die Großmutter im Film etwas jünger ist. So konnten wir eine Frau zeigen, die noch arbeitet.

Wie hast du Regisseurin Mischa Kamp kennengelernt?

Tamara Bos Mischa habe ich bereits 1995 beim Cinekidfestival in Amsterdam kennengelernt. Sie war da gerade im letzten Jahr ihrer Filmschule. Zu dem Zeitpunkt habe ich eine Serie über kleine Kinder gemacht, die auf dem Festival gezeigt wurde. Mischa fragte mich, ob ich mir das Skript ihres Abschlussfilms durchlesen könnte. So fing alles an.
Romys Salon - worum geht's?

Die niederländische Regisseurin Mischa Kamp folgt in ihrem neuen Kinofilm der zehnjährigen Romy, die ihre Nachmittage widerwillig im Friseursalon ihrer Oma verbringt, die immer öfter Dinge vergisst. Romy ist zuerst die einzige, die die Veränderung ihrer Großmutter bemerkt - und versucht, ihr im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu helfen. Doch irgendwann stößt das kleine Mädchen an seine Grenzen.

Produzent des Films, der im Spätsommer 2019 in die Kinos kommen soll, ist die Hamburger Firma Leitwolf. Die Dreharbeiten führten das Team u. a. zum Hamburger Hauptbahnhof.

Hattet ihr für die Großmutter Stine bereits eine bestimmte Schauspielerin im Kopf, als ihr das Skript geschrieben habt?

Tamara Bos Ja, wir hatten von Anfang an Beppie Melissen im Kopf. Wir haben sie damals gegoogelt - und zu dem Zeitpunkt war sie etwa 55 Jahre alt, was zu jung für die Rolle war. Aber das ist der Vorteil an einer langjährigen Finanzierung. (lacht) Als wir den Film drehten, war sie bereits über 66. Ich kannte sie aus dem Theater. Später war sie in vielen Comedy-Rollen in den Niederlanden zu sehen.
Regisseurin Mischa Kamp (r.) mit ihren Schauspielern während der Dreharbeiten in Hamburg

Sollte der Film zur Aufklärung in Schulen gezeigt werden?

Mischa Kamp Ich denke, es ist sowohl für Kinder als auch für Erwachsene ein wichtiger Film. Die Kinozuschauer können den Film auf unterschiedlichen Ebenen sehen – aber die Kernaussage kommt immer rüber: Nämlich dass Schicksalsschläge, wie zum Beispiel eine Demenz-Diagnose, Menschen dichter zusammen bringen können. Der Film ist für Kinder ab acht Jahren geeignet.

Als wir über die potenziellen Verbreitungsmöglichkeiten des Films gesprochen haben, kam uns die Idee, Schulklassen gemeinsam mit Altersheimbewohnern zu Kinoveranstaltungen einzuladen.

Gibt es Passagen im Film, die sich von dem Roman unterscheiden? Zum Beispiel die Szene am Hamburger Hauptbahnhof?

Tamara Bos Die Szene ist tatsächlich auch im Buch. Als ich den Hauptbahnhof gegoogelt habe, fand ich ihn wirklich schön. Außerdem ging es um die Zugfahrt von Holland nach Dänemark – und da lag Hamburg genau auf der Route. Das Buch hört jedoch früher auf als der Film. Die Nächte, die Romy und ihre Großmutter im Haus in Dänemark verbringen, gibt es zum Beispiel nicht im Roman.
Ein bisschen Spaß während der Dreharbeiten muss sein.

Wie war die Zusammenarbeit mit der zehnjährigen Hauptdarstellerin Vita Heijmen? War es schwer, ihr das Thema Alzheimer nahezubringen?

Mischa Kamp Ich finde, dass man Kindern sehr gut erklären kann, worum es in der Geschichte geht. Das war nicht so schwer. Ich glaube, der schwerste Teil ist das Schauspielern. Die Rolle der Romy war ihre erste Rolle. Es war auch kein Ziel von ihr, Schauspielerin zu werden. Sie kam gemeinsam mit einer Tochter einer Freundin von mir zum Test-Screening eines anderen Films, den ich 2017 gemacht habe. Vita war im Publikum als Testzuschauerin. Als unser Casting für Romys Salon startete, habe ich an sie gedacht und sie eingeladen.

Wie hat euch Hamburg gefallen?

Mischa Kamp Tamara kannte den Hauptbahnhof ja bereits. Als ich ihn dann sah, war ich begeistert – wir konnten hier alles machen. Auch die Schauspieler und Crew mochten Hamburg sehr. Ich habe Hamburg zu verschiedenen Jahreszeiten kennengelernt. Wir haben im März 2017 angefangen uns Locations anzusehen, da hat es noch geschneit. Carsten, der Scout, hat mich noch zweimal angerufen und mir gesagt, dass er nicht durchkommt, da zu viel Schnee liegt. Wir haben Bilder aus dem März, auf denen wir im Schnee stehen. Als wir im Mai dann zum Dreh in Hamburg waren, hatten wir hingegen wundervolles Wetter.
Titelbild: Elmer van der Marel
Bilder Dreharbeiten: Andreas Schlieter

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