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10.07.2018
Hamburger Koproduktion im Locarno-WettbewerbZu Besuch im Dorf der Vögel

Sibel-Darstellerin Damla Sönmenz ist in der Türkei bereits ein bekanntes Gesicht

Ein außergewöhnliches Thema, umgesetzt in einem außergewöhnlichen Film: Mit "Sibel" feiert in diesem Jahr eine Hamburger Koproduktion Premiere im internationalen Wettbewerb des Locarno Festivals. Der Wettbewerbsfilm handelt von einer jungen Frau in einem abgelegenen türkischen Dorf, die seit ihrer Geburt stumm ist und sich nur mit der Hilfe einer alten Pfeifsprache verständigen kann. Die deutschen Koproduzenten Michael Eckelt und Johannes Jancke von Riva Film in Hamburg verraten euch, wie das Filmteam sich auf „Sibel" vorbereitet hat und welche Produktionsschritte in Hamburg gemacht wurden.

„Auch im Drehbuch von Sibel wurde das Thema wirklich schön rübergebracht und man wurde durch die Fremdartigkeit der Sprache direkt eingenommen. Die Rauheit und Kraft der Hauptfigur waren im Drehbuch wirklich toll, fast schon poetisch beschrieben.“
Johannes Jancke

Wie seid ihr auf das Projekt gestoßen?

Michael Eckelt Wir haben die beiden ProduzentInnen Marie Legrand und Rani Massalha von "Les Films du Tabour" 2016 in Cannes getroffen – und da ging es eigentlich um ein ganz anderes Projekt. Als sie uns jedoch von Sibel und der Pfeifsprache erzählt haben, dachte ich sofort „Wow, das ist ein echt spannendes Thema" – ähnlich wie bei unserem Film The Wound, in dem es um ein schwules Coming Out und Beschneidungsrituale in Südafrika geht. Für mich ist der Sinn hinter einer Koproduktion, dass man in eine fremde Kultur eintauchen kann – und das hat bei beiden Filmen wunderbar geklappt.

Johannes Jancke Auch im Drehbuch von Sibel wurde das Thema wirklich schön rübergebracht und man wurde durch die Fremdartigkeit der Sprache direkt eingenommen. Die Rauheit und Kraft der Hauptfigur waren im Drehbuch wirklich toll, fast schon poetisch beschrieben.

Musste die Hauptdarstellerin die Pfeifsprache extra lernen?

Johannes Jancke Für Damla Sönmez, die in der Türkei ein richtiger Star ist, war die Pfeifsprache auch komplettes Neuland. Sie hat zur Vorbereitung eine gewisse Zeit in einem der Dörfer gelebt, in dem die Pfeifsprache noch gesprochen wird. Außerdem hatte das Team in Istanbul jemanden für sie gefunden, der die Sprache mit ihr üben konnte. Dass die Vorbereitung so gut geklappt hat, hat jedoch auch viel mit der Herangehensweise der RegisseurInnen Çagla Zencirci und Guillaume Giovanetti zu tun. Bisher haben die beiden ausschließlich mit Laiendarstellern gedreht. Bei Sibel haben sie die fünf Hauptfiguren allerdings mit professionellen Schauspielern besetzt, der Rest besteht auch hier wieder aus Laiendarstellern. Die Dorfbewohner, die man auf den Feldern sieht, spielen beispielsweise sich selbst. Çagla und Guillaume versuchen bei ihren Filmen sehr früh eine Beziehung zu den Leuten in der Region aufzubauen, in der sie drehen. Auch bei Sibel waren sie bereits ein Jahr vor den eigentlichen Dreharbeiten in der Region, um zu schauen, wo genau gedreht werden soll und mit den Leuten ins Gespräch zukommen – im gleichen Atemzug haben sie auch die Hauptdarstellerin Damla an Kultur und Sprache herangeführt.

Gibt es das "Dorf der Vögel", in dem der Film spielt, wirklich?

Johannes Jancke Das Dorf Kusköy existiert tatsächlich. Es liegt in den Bergen, in der Nähe des Schwarzen Meeres. Es gibt jedoch noch zwei, drei andere Dörfer in der Region, in denen die Sprache gesprochen wird.
Sibel pflegt den verwundeten Deserteur Ali (Erkan Kolçak Köstendil) heimlich im Wald.

Welche Produktionsschritte wurden in Hamburg gemacht?

Johannes Jancke In Hamburg hat die Tonpostproduktion sowie der letzte Schritt der Bildpostproduktion stattgefunden – außerdem haben wir Kameraequipment aus Hamburg bezogen und ein paar Filmschaffende aus der Hansestadt waren in der Türkei am Set.

Musstet ihr im Tonstudio aufgrund der Pfeifsprache Dinge anders machen?

Johannes Jancke Die Schwierigkeit war, dass die Pfeiflaute für den Zuschauer gut zu hören sind, ihn aber nicht nerven. Da wurde tatsächlich viel dran herumgeschraubt. Darüber hinaus waren die Naturgeräusche ein wichtiges Thema, weil ein Großteil des Films im Wald spielt. Sehr viele Geräusche wurden im Studio noch einmal neu erzeugt (Foleys). Im fertigen Film gibt es wirklich nicht einen unbearbeiteten Originalton – ob Holz, Boden, Blätter oder Tiere, alles wurde nochmal angefasst. Stephan Konken von den Konken Studios in Hamburg Ottensen hat eine sehr natürliche Klangwelt erschaffen, mit der wir mehr als zufrieden sind.
v.l.: Johannes Jancke, Malika Rabahallah (FFHSH), Çagla Zencirci, Guillaume Giovanetti, Michael Eckelt

Sind am Set irgendwelche skurrilen Dinge passiert sind?

Johannes Jancke Im Film gräbt Sibel eine Grube, in der sie einen Wolf fangen will. Der Setaufnahmeleiter hat diese Grube mit ausgehoben – und ist dann am dritten oder vierten Drehtag selbst hineingefallen. Er hat sich zum Glück nichts gebrochen. Sein Knie war jedoch so verstaucht, dass er erstmal nicht weiterarbeiten konnte.

Die Bedingungen waren insgesamt echt hart, da man viel im Wald unterwegs war und die nächstgrößeren Städte viele Kilometer weit entfernt waren. Aber das Team hat super zusammengehalten – und wir hier in Hamburg haben jeden Tag mitgefiebert, welche kleine Katastrophe als nächstes passiert. Das war schon Rock'n'Roll.

Der Film zeigt eine starke Heldin, die sich sowohl physisch als auch psychisch zur Wehr setzen kann. War diese starke Frauenrolle aus eurer Sicht ein Grund, der für den Film gesprochen hat?

Johannes Jancke Es geht mehr darum, eine starke Frau innerhalb dieser Kultur zu zeigen. Es ist zwar eine Emanzipationsgeschichte, für uns war jedoch der kulturelle Kontext entscheidend.
Sibel (Damla Sönmez) mit ihrem Vater (Emin Gürsoy) und ihrer Schwester (Elit İşcan) beim Abendbrot

Sibel kritisiert alte Traditionen und zeigt die „Einfachheit" der Dorfbewohner auf – sie wollen nichts mit Sibel zu tun haben, da sie glauben, die junge Frau bringe Unglück. Außerdem wird ein Deserteur im Film als Terrorist beschimpft. Seid ihr schon während der Dreharbeiten in der Türkei auf Kritik oder Widerstand gestoßen?

Johannes Jancke Da lief zum Glück alles glatt, was wir – so glaube ich – unseren türkischen Koproduzenten von Mars Production zu verdanken haben – die wussten einfach, wie man vor Ort vorgehen muss. Natürlich hatten auch die Filmschaffenden aus Hamburg Vorbehalte, und viele haben uns auch aus genau dem Grund abgesagt. Denn eine Garantie dafür, dass in der Türkei alles reibungslos klappt, können wir hier in Deutschland nicht übernehmen. Letztendlich ist jedoch gar nichts passiert und es war ein Dreh wie in jedem anderen zentraleuropäischen Land auch. Natürlich hat es auch geholfen, dass wir nicht in Istanbul, sondern sehr weit draußen in der Natur gedreht haben. Das Filmteam konnte nicht mal in dem Dorf wohnen, so beengt war es dort. Man musste also jeden Tag rund 1,5 Stunden anreisen – und das bei rund 30 Drehtagen.

Was war für euch die größte Herausforderung an dem Projekt?

Michael Eckelt Das Schwierigste war tatsächlich, die Finanzierung zusammen zu bekommen. Wenn es nicht noch die Chance gegeben hätte, Geld aus Luxemburg zu kriegen und die FFHSH nicht ihren Teil gegeben hätte, wäre das Projekt nicht zustande gekommen.

Johannes Jancke: Außerdem war es nicht so einfach festzulegen, was wir dem Projekt aus Hamburg zur Verfügung stellen können, um dem Projekt etwas hinzuzufügen und die Qualität noch weiter steigern zu können. Die Leute und Firmen, die am Ende aus der Hansestadt mit an Bord waren, waren jedoch genau die richtigen, was das Ergebnis eindrucksvoll beweist.

Eric Devin/Riva Film

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