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25.04.2018
Interview mit Kaiser MaasDie Musik musste ein gewisses Gewicht haben

Julian Maas (l.) und Christoph M. Kaiser in ihrem Tonstudio in Hamburg Eimsbüttel

Das Hamburger Komponisten-Duo "Kaiser Maas" macht Filmmusik. Und das ziemlich erfolgreich. Aktuell sind sie mit Lars Kraumes "Das schweigende Klassenzimmer" und Emily Atefs "3 Tage in Quiberon" im Kino zu hören – für letzteren sind sie sogar im Rennen um einen Deutschen Filmpreis. Also: Höchste Zeit für ein Gespräch mit Christoph M. Kaiser und Julian Maas.

„Wir sprechen mit den Filmemachern gar nicht so sehr in musikalischen Begriffen. Für uns ist es besser, wenn wir uns einfach über den Film austauschen. Dann können wir das Ganze in Musik übersetzen.“
Julian Maas

Bei welchem Projekt habt ihr das erste Mal zusammengearbeitet und wie ist es dazu gekommen?

Christoph Das war vor mehr als 15 Jahren. Ein gemeinsamer Freund hat uns einander vorgestellt und wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Dann kam eine Filmanfrage durch die Musik, die ich damals für den Film Crazy von Hans-Christian Schmid gemacht habe. Für dieses Projekt haben wir zum ersten Mal zusammengearbeitet. Das war's dann – seitdem haben wir alles zusammen gemacht.

Wie ergänzt ihr euch?

Julian Jeder von uns hat gewisse Schwerpunkte. Mittlerweile können wir das aber gar nicht mehr so genau benennen, weil wir uns nach 15 Jahren Zusammenarbeit auch ganz schön viel gegenseitig beigebracht haben.

Wie seid ihr beide zur Musik gekommen und was hat euch an Filmmusik gereizt?

Christoph Ich hab mit 14 angefangen Gitarre zu spielen und bin schon in der Schulzeit mit meinem Gitarrenlehrer durch Deutschland getourt. An Filmmusik hat mich immer gereizt, dass die Musik eine andere Rolle bekommt. Dass sie zu einer eigenen Erzähl-Stimme in einem größeren Kontext wird.

Julian Ich hab als Kind bei meinem Patenonkel Rolf Zuckowski gesungen. Mit zehn Jahren habe ich angefangen Klavier zu spielen und später dann Jazz in Brüssel studiert. Als ich zurück war in Hamburg, habe ich als Studiomusiker gearbeitet. Aber das war es irgendwie noch nicht für mich. Erst mit der Filmmusik habe ich sozusagen „einen Ort gefunden", an dem ich mich musikalisch wohlfühle.

Wie arbeitet ihr mit Filmschaffenden zusammen?

Christoph Also generell versuchen wir, den Filmschaffenden gut zuzuhören, rauszufinden, was sie sich von der Musik für ihren Film wünschen und welche Aufgabe die Musik im Film haben könnte.

Julian Wir müssen herausfinden, was die Geschichte ausmacht – was die Regisseure antreibt. Wir sprechen mit den Filmemachern gar nicht so sehr in musikalischen Begriffen. Für uns ist es besser, wenn wir uns einfach über den Film austauschen. Dann können wir das Ganze in Musik übersetzen. Vieles ergibt sich auch während des Schnitts. Das ist ein dynamischer Prozess – wir entwerfen und verwerfen Ideen mit dem Regisseur und dem Cutter. Die Arbeit mit Lars Kraume ist ein super Beispiel. Mit ihm haben wir viele unterschiedliche Filme gemacht, vom ernsthaften Drama bis zur absurd überhöhten Komödie. Und je nachdem, um welchen Stoff es geht, wird auch völlig unterschiedlich über die Musik gesprochen.

Julian Maas hat bereits mit zehn Jahren angefangen, Klavier zu spielen.

Ist es ein Vorteil, wenn der Regisseur oder die Regisseurin etwas von Musik versteht?

Christoph Für uns ist entscheidend, dass sie eine klare Vorstellung davon haben, was sie erzählen wollen. Musikalische Fachkenntnisse sind für uns glaube ich nicht so entscheidend.

Julian Wir machen es oft eher so, dass wir sagen: Gib uns ein paar entscheidende Adjektive, also emotionale Schlüsselworte zu der Szene – dann finden wir dazu die musikalische Übersetzung.

An welcher Stelle steigt ihr normalerweise in den Film mit ein?

Christoph Manchmal machen wir schon Entwürfe anhand des Drehbuchs und geben sie möglichst früh in den Schnitt. So werden wir es auch bei unserem kommenden Projekt machen, bei dem früh viel Musik gebraucht wird, um den Schnitt zu unterstützen.

Wie seid ihr an Emily Atefs „3 Tage in Quiberon" herangegangen?

Julian Da haben wir früh Entwürfe zu den ersten Mustern gemacht, allerdings fehlten zu diesem Zeitpunkt noch die für den Film so wichtigen Interview-Sequenzen. Wir waren deswegen anfangs ein bisschen unsicher, was die Musik eigentlich genau für eine Aufgabe haben würde. Als die Interview-Szenen dann fertig waren, wurde klar, was der Film insgesamt für ein existenzielles Gewicht haben würde. Die Musik musste also auch ein gewisses Gewicht haben.

3 Tage in Quiberon - Trailer

Wie war denn das Musikkonzept hinter dem Film? Uns ist die Musik beispielsweise erst richtig aufgefallen, als Romy Schneider (Marie Bäumer) gegen Ende des Films am Wasser von Felsen zu Felsen springt und dabei fotografiert wird.

Christoph Es ist eigentlich gut, dass euch die Musik erst da so richtig bewusst geworden ist. Im Großen und Ganzen wollten wir den Film auch soweit es geht „in Ruhe" lassen. Eigentlich haben wir für 3 Tage in Quiberon drei "Arten" von Musik gemacht: Wir haben die Songs für die verschiedenen Orte im Film geschrieben, wie z.B. die Fischerkneipe oder die Hotellobby. Dann gibt es Score-Musiken, die tendenziell eine eher strenge oder zumindest eigenständige Form haben. Dadurch versuchen wir zu vermeiden, dass die Musik die Emotionen auf der Leinwand zu offensichtlich nachzeichnet. Und dann gibt es ein eher nostalgisch anmutendes Hauptthema. Das ist ganz bekennend lyrisch. Die Idee dazu war, dass wir hinter der Romy Schneider-Figur eine Musik anklingen lassen, die den Zuschauer an ihre großen Erfolge in den 70ern denken lässt. Diese Filme waren für sie ja eine Art Befreiung. Das Gefühl wollten wir in der tollen Szene auf den Felsen zur Entfaltung bringen, bei der der Fotograf Lebeck Fotos von Romy macht und sie sich –vor der Kamera - wirklich öffnet.

Julian Die Musik ist ziemlich schlicht – fast volksmusikalisch und leistet sich diesen schwelgenden Ton im Film nur in dieser einen Szene.

Christoph Das Thema funktioniert hier auch nur deshalb so gut, weil wir es in drei vorhergehenden Szenen in anderer Form schon mal anklingen lassen konnten. Es ist beim Zuschauer schon etabliert. Eine der vorangestellten Szenen hätte diese Musik zum Beispiel nicht unbedingt gebraucht, aber Emily Atef hat sich dafür entschieden – zugunsten des Gesamtkonzepts. Das war ziemlich cool von ihr.

Und wie war die Arbeit an „Das schweigende Klassenzimmer"?

Christoph Es gab den ursprünglichen Plan, dass wir den Film nicht von Anfang an miterzählen, sondern nur manchmal an ausgesuchten Stellen Musik stattfindet. Im Laufe der Arbeit hat sich aber dann herausgestellt, dass es doch besser ist, wenn wir bereits zu Beginn musikalische Themen haben, die im Film immer wieder vorkommen. Ich hätte schwören können, dass ein Film, der Das schweigende Klassenzimmer heißt, in der zentralen Szene – nämlich der Schweigeminute - gar keine Musik hat. Das Schweigen der Schüler wäre dann der eigentliche „Soundtrack" zu der Szene.

Julian Wir haben nach einer Weile gemerkt, dass die Musik erst eine Bedeutung für die Geschichte bekommt, wenn sie mit dieser zentralen Schlüssel-Szene verknüpft ist. Als wir diese Idee hatten, kam die Arbeit so richtig ins Laufen.

Das schweigende Klassenzimmer

Was war eigentlich euer größter gemeinsamer Erfolg bisher?

Welche Filmsoundtracks haben euch in letzter Zeit beeindruckt?

Christoph Der Film ist jetzt zwar auch schon wieder eine Weile her, aber ich fand zum Beispiel "Birdman" toll. Dass man fast den gesamten Film über ein improvisiertes Schlagzeug-Spiel erzählen kann, hat mich wahnsinnig beeindruckt. Mir geht es dabei weniger um die Musik als solche, sondern vielmehr darum, wie man mit einer starken musikalischen Idee einen Film eben auch einzigartig machen kann.

Julian The Revenant. Das ist zwar auch kein Soundtrack, den ich mir oft so anhören würde – aber er funktioniert einzigartig in Wechselwirkung mit den Bildern.

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