Interview>Wie authentisch bist du?

17.04.2018
Britta Schewe zum Thema "Content"Wie authentisch bist du?

Seit Ende 2017 bei den Rocket Beans: Britta Schewe

Als Head of Content Distribution ist Britta Schewe bei Rocket Beans TV für die Verbreitung und Vermarktung des Hamburger Web-Senders zuständig. Mit ihrer eigenen Produktions- und Beratungsfirma "GreteGrote Internetproduktion" widmet sie sich zudem der Realisierung von Leidenschaftsprojekten. Beim Hamburger newTV Kongress im März 2018 stand sie zum ersten Mal als Moderatorin auf der Bühne – wir haben im Anschluss die Chance für ein Interview genutzt.

„Es gibt tollen Content, der zu wenig gesehen wird. Aber es gibt leider auch ganz viel schlechten Content, der viel zu viel gezeigt wird.“
Britta Schewe

Was macht für dich guten/innovativen Video-Content aus?

Britta Schewe Für mich sind die ausschlaggebenden Faktoren Authentizität und Glaubwürdigkeit. Danach kommt das Handwerk. Denn es gibt ja nicht umsonst Studiengänge, die einem beibringen, wie man Filme macht und Geschichten erzählt. Der Rest ist dann mehr oder weniger zweitrangig. Ich glaube, dass Authentizität ein Projekt nachhaltig erfolgreich macht. Es ist keine Kunst, einen teuer produzierten Spot mit einem Mediavolumen von x Millionen Euro in den Markt zu pressen und dann seinen Kunden zu erzählen: "Schaut mal, den Spot haben 15 Millionen Leute gesehen". Das macht den Content weder gut noch nachhaltig. Es gibt tollen Content, der zu wenig gesehen wird. Aber es gibt leider auch ganz viel schlechten Content, der viel zu viel gezeigt wird.

Welcher Content funktioniert auf welchem Social-Media-Kanal?

Britta Schewe Da gibt es, denke ich, keine allgemeine Regel. Wenn man authentischen Content produziert und gleichzeitig die Medien versteht, auf denen man stattfinden möchte, dann kann man eigentlich gar nicht so viel falsch machen. Ich muss beispielsweise wissen, dass Snapchat eine andere Zielgruppe und eine andere Haptik hat als Instagram oder YouTube – da muss man natürlich anderen Content drauf spielen. Ich würde bei den Rocket Beans zum Beispiel nicht sagen, dass wir auf Instagram nicht stattfinden sollen, weil wir den halben Tag Games zocken und Instagram eben keine Zockerplattform ist. Das wäre Blödsinn, denn die Leute interessieren sich für die Leute vor der Kamera und den Sender. Das heißt, sie wollen zusätzliche Inhalte sehen. Man kann nicht sagen, dass diese oder jene Marke nur auf einer bestimmten Plattform stattfinden sollte. Es stellt sich also eher die Frage, wie man den eigenen Content so aufbereitet, dass er zu einer Plattform passt.
Das ehemalige Giga- und Game One-Team jetzt bei den Rocket Beans

Wie nähert ihr euch bei den Rocket Beans eurer Zielgruppe? Woher wisst ihr, wer eure Zielgruppe ist?

Britta Schewe Die haben wir uns über Jahre erarbeitet –da kommt viel durch die historisch gewachsene Entwicklung der Bohnen. Die Kollegen haben sich bei "Giga" kennengelernt, dann kamen mit "Game One" acht Jahre TV plus Erweiterung auf der dazugehörigen Website und der YouTube-Kanal "Rocket Beans TV" für alle anderen Ideen. Und vor drei Jahren wurde erst der Sender gegründet, mit dem jetzt natürlich nochmal neue Zielgruppen erreicht werden sollen. Letzten Endes ist die Zielgruppe mitgewachsen und auch inzwischen mitgealtert, der Durchschnitt liegt momentan bei 25 Jahren. Wir suchen uns nicht jedes Jahr eine neue Zielgruppe für die Marke, sondern arbeiten mit der, die wir schon haben und versuchen sie organisch zu erweitern.

Es ist für uns jedoch nach wie vor wichtig zu verstehen, wer die Zielgruppe ist. Dafür interagieren wir in den Sendungen und durch soziale Medien durchgehend mit unseren Zuschauern und machen dafür zum Beispiel Online-Umfragen, an denen teilweise bis zu 30.000 Leute teilnehmen. Das ist der Hammer! Ich führe das darauf zurück, dass wir authentisch und ehrlich sind und auch ehrlich meinen: "Eure Interessen sind der Mittelpunkt unseres Schaffens". Man muss der Zielgruppe auf Augenhöhe begegnen. Ich finde es immer faszinierend, dass viele Teilnehmer auf Media-Panels so reden, als würden sie selbst kein Fernsehen mehr gucken und selber nicht Teil einer Zielgruppe sein. Es heißt oft nur "„die Zuschauer wollen"". Vielleicht fragen wir uns als Film- und Fernsehmacher selber mal, was wir geil finden. Das hört man nur von Youtubern bzw. anderen Influencern. Oftmals höre ich aus der Branche privat Sätze wie "Ich hab gar keinen Fernseher mehr zu Hause" oder "Ich guck den Kram selber nicht". Die ganze Branche produziert also Content, den sie selber nicht konsumiert? Das finde ich persönlich wahnsinnig traurig, das kann nicht funktionieren.

Ist es abseits von Facebook, Instagram und Co. eigentlich noch möglich, mit der eigenen Website erfolgreich zu sein?

Britta Schewe Kommt immer drauf an. Wir werden unsere Website in ein paar Monaten neu launchen. Es wird Gamification-Ansätze und Interaktionsmöglichkeiten für die Community geben. Wir werden eine individualisierbare Mediathek anbieten. Es wird also alles viel schicker, so dass die Zielgruppe auch zu uns auf die Website kommen will, weil hier Zusatznutzen geboten wird. Es ist natürlich in unserem ureigenen Interesse, den Fan-Traffic auf unserer Seite stattfinden zu lassen, da er sich dort besser vermarkten lässt. Ansonsten sind wir abhängiger als nötig von Geschäftsmodellen anderer Plattformen. Trotzdem sind wir auf immer mehr Plattformen Dritter aktiv, um dort eine Community zu bedienen und zu gewinnen. Es hängt am Ende des Tages von der eigenen Strategie ab, wo man intensiver stattfinden will. Es ist legitim, selbst keine eigene, aufwändige Plattform betreiben zu wollen.

Welche Neuerungen wird es im VoD-Bereich deiner Meinung nach in den nächsten Jahren noch geben? Wo siehst du in Deutschland Verbesserungspotential?

Britta Schewe Ehrlich gesagt bin ich froh, dass es mittlerweile überhaupt erfolgreiche VoD-Angebote in Deutschland gibt! Ich versuche VoD-Modelle bereits seit 2002 zu etablieren. Damals hab ich noch für die Telekom gearbeitet. Jetzt sind endlich mehr Player da – und ich hoffe, dass die Vielfalt steigt. Und dann bin ich gespannt, denn die Technik ist irgendwann nicht mehr wirklich optimierbar, wenn ich lahmen Breitbandausbau und neue Super-Innovationen wie KI mal kurz außen vor lasse. Ich klicke auf einen Knopf und wenn die Technik gut ist, geht's schnell los. Deshalb ist der Content das wichtigste Unterscheidungsmerkmal.

Die Frage ist also: Wie werden diese Player zukünftig in Content investieren und hilft uns das in der lokalen Industrie? Sonst gucken wir uns in zehn Jahren nur noch amerikanische Serien an. Ich finde, wir unterschätzen unsere Kreativität hier in Deutschland dramatisch. Wir können guten Content produzieren, das sieht man an immer mehr Serien wie Dark oder Babylon Berlin. Und ihn finanzieren. Also warum stellen wir unser Licht so oft unter den Scheffel? Das müssen wir nicht. Ich hoffe, dass die junge Generation das vorhandene Potential besser nutzt und Firmen das Potenzial hierzulande rechtzeitig erkennen.

Britta Schewe, Rocket Beans TV

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