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06.04.2018
Grimme-Preis für Pia LenzEin Teil des Alltags werden

In ihrem Film „Alles gut – Ankommen in Deutschland" zeigt die Hamburger Journalistin und Dokumentarfilmerin Pia Lenz das Thema Integration aus Kindersicht und hat hierfür zwei Familien in Hamburg rund ein Jahr begleitet. Ein bewegendes Werk, das jetzt mit dem Grimme Preis 2018 in der Kategorie "Information & Kultur" ausgezeichnet wurde.

„Es war eine bewusste Entscheidung, den Großteil des Films alleine zu drehen. Das wichtigste war für mich, tatsächlich ein Teil ihres Alltags zu werden.“
Pia Lenz

Wann und wo hast du davon erfahren, dass du den Grimme-Preis gewinnen wirst? 

Pia Lenz Der Anruf kam an einem Samstagvormittag, als ich kein bisschen damit gerechnet habe. Ich habe erstmal ein paar Tage gebraucht, um das zu realisieren. Erst wenn man die Freude dann mit dem ganzen Team teilen kann, begreift man die herausragende Wertschätzung der eigenen Arbeit.

Wie hast du die beiden Familien gefunden, die du den Film über begleitest? Und hat es lange gedauert, bis sich jemand bereit erklärt hat, bei deinem Projekt mitzumachen?

Pia Lenz Glücklicherweise waren die beteiligten Behördenmitarbeiter bei diesem Projekt sehr kooperativ und gaben schnell ihr Einverständnis, sodass ich überall auf dem Gelände der Flüchtlingsunterkunft drehen durfte. So war es möglich, dass ich ab dem Tag, als Familien in die Unterkunft in Hamburg eingezogen sind, dabei sein konnte.

Adel, den Familienvater aus Syrien, habe ich dann gleich am ersten Tag kennengelernt. Vielen stand die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben. Adel lachte mehr, als alle anderen. Wir sind dann in seiner Küche im Wohncontainer sofort lange ins Gespräch gekommen. Er hat mir erzählt, dass er vier Kinder hat, die aber noch mit seiner Frau in Syrien seien. Wir haben uns Fotos seiner Familie angeschaut und ich glaube er war froh, dass da jemand zu ihm gekommen ist, der sich für das interessierte, was er erlebt hat. Ich habe schon an diesem Tag die ersten Bilder gedreht und es war klar, dass ich Adels Geschichte weiter begleiten wollte. Obwohl es für den Film natürlich ein Wagnis war, weil die Familie, also auch seine Kinder, ja noch nicht in Deutschland waren und das ja die eigentliche Idee meines Films war.

Djaner und seinen Bruder habe ich auf dem Spielplatz der Wohnunterkunft getroffen. Die beiden Jungs fielen mir sofort auf. Der eine, Mahmud, wirkte sehr traurig und verschlossen. Sein jüngerer Bruder Djaner stellte den halben Spielplatz auf den Kopf. Mit beiden kam ich schnell ins Gespräch. Ich habe dann später einfach an der Zimmertür des Containers geklopft, in dem die beiden mit ihrer Mutter wohnten und habe sie an mehreren Tagen hintereinander für ein paar Stunden besucht. Dabei haben wir uns besser kennengelernt, die Mutter Alisa gab dann ihr Einverständnis für die Dreharbeiten.

Pia Lenz mit Adel (2.v.l.) und Familie

War für dich sofort klar, dass du den Film in Hamburg drehen willst?

Pia Lenz Ja, das stand von Beginn an fest. Ich lebe ja selbst in Hamburg und es war klar, dass dieser Film eine Beobachtung über den Zeitraum von mindestens einem Jahr werden würde. Dafür war es notwendig, dass ich immer auf Abruf sein und jederzeit zum Drehen fahren konnte.

Warst du während der Dreharbeiten die ganze Zeit stiller Beobachter oder hast du versucht, aktiv zu helfen?

Pia Lenz Die Dreharbeiten waren nicht einfach. Ich habe während dieses einen Jahres sehr viel Zeit mit den Familien verbracht, um deren Lebensrealität wirklich mitzuerleben und abbilden zu können. Einen Großteil der Zeit, die ich mit den Familien zusammen war, habe ich dabei gar nicht gedreht. Wir haben miteinander geredet, gegessen, gespielt oder geschwiegen. Alles was gerade möglich war. Es gab viele schwierige Tage, an denen ich oft einfach als Mensch gefordert war und weniger als Dokumentarfilmerin – sofern man das überhaupt trennen kann. Aber letztlich war es nur so möglich, dass die Kamera und ich selbst zu einem Teil des Alltags der Familien wurden.

Stehst du auch heute noch in Kontakt mit den Familien?

Pia Lenz Ich habe mit beiden Familien noch Kontakt, wir sind enge Freunde geworden. Adel fragt regelmäßig, wann wir endlich den zweiten Teil drehen würden.

Du warst bei „Alles gut" für Regie, Drehbuch, Kamera und Ton zuständig. Warum hast du dir niemanden zur Unterstützung mit ins Boot geholt?

Pia Lenz Es war eine bewusste Entscheidung, den Großteil des Films alleine zu drehen. Das wichtigste war für mich, tatsächlich ein Teil ihres Alltags zu werden. Ich hatte deshalb über ein Jahr fast täglichen Kontakt mit den Familien. Als es plötzlich ganz schnell ging und Adels Familie aus Syrien in Deutschland ankam, nachdem sie sich über ein Jahr nicht gesehen hatten. Oder als Alisa mich in der Nacht anrief, weil es einen Abschiebeversuch gegeben hatte und sie mir sagte, dass sie sich jetzt erstmal verstecken müssten.

Solche Ereignisse konnte ich nur deshalb unmittelbar miterleben, weil ich diesen engen persönlichen Kontakt mit den Menschen aufgebaut hatte. Dreht man alleine, ist diese Beziehung enger und unmittelbarer, als wenn immer ein ganzes Team dabei ist. An vielen Tagen konnte ich auch nicht einfach hinfahren und die Kamera einschalten. Da war es von Vorteil, dass ich so lange wie eben nötig bei den Familien sein konnte, manchmal sogar über Nacht. Man entwickelt ein Gespür dafür, wann der richtige Moment ist, um die Kamera aufzubauen. Es ist auch nicht so, dass ich keine Unterstützung gehabt hätte. An einigen herausragenden Drehtagen war mein Kamerakollege Henning Wirtz dabei und hat die zweite Kamera übernommen.

Alls gut - Ankommen in Deutschland (Trailer)

„Alles gut" war dein erster abendfüllender Dokumentarfilm. Was kann ein Dokumentarfilm, was eine Panorama-Reportage für's Fernsehen nicht kann?

Pia Lenz In den vergangenen Jahren habe ich mich auch als Fernsehjournalistin immer wieder mit dem Thema Flucht und Migration beschäftigt. Da gehe ich mit einer konkreten Fragestellung an ein Thema heran, die ich beantworten möchte. Bei kürzeren, journalistischen Reportagen kann ich Protagonisten selten über einen längeren Zeitraum begleiten. Häufig ist die Realität so komplex, dass sie sich so nur ausschnittweise abbilden lässt. Der Dokumentarfilm gibt mir die Möglichkeit, mit einem offeneren und weiteren Blick an ein Thema oder eine Fragestellung heranzugehen. Das ist das Spannende und auch die Herausforderung bei dieser Art von Filmen: Es ist nicht möglich, vorab ein fertiges Drehbuch zu schreiben, man lässt sich als Autorin und Regisseurin auf die Ereignisse, vor allem aber auf die Menschen vor Ort ein. Einen Dokumentarfilm wie „Alles gut" kann ich dramaturgisch und formal ganz anders erzählen. Mit welchen Bildern und welcher Dramaturgie entwickelt sich die stärkste erzählerische Kraft einer Geschichte? Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen empfinde ich bei der Arbeit an einem Dokumentarfilm als wahnsinnig spannend.

Ich war mit „Alles gut" auf einer sehr langen Kinotour durch Deutschland. In jeder Stadt haben sich nach den Vorstellungen intensive und ehrliche Gespräche entwickelt. Man konnte im Kino regelrecht spüren wie die Zuschauer den Film und den geschützten Saal eines Kinos brauchten, um Emotionen zuzulassen und über dieses schwierige Thema miteinander ins Gespräch zu kommen. Da als Regisseurin dabei zu sein ist beeindruckend und macht die besondere Kraft eines Kinofilms aus.

Der siebenjährige Djaner ist mit seiner Familie aus Mazedonien nach Hamburg gekommen

Warum hast du dich nach deinem Journalismusstudium in Dortmund dafür entschieden, für den Master an die HMS zu gehen?

Pia Lenz Ich habe bereits während meines Studiums jahrelang für die Lokalzeitung geschrieben. Während der amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2008 habe ich dann ein Auslandsjahr am Columbia College in den USA gemacht, da passierte mit dem Obama-Wahlkampf gerade etwas Historisches und ich habe die ersten kleinen Filme mit der Kamera gedreht. Neben meinem politischen, journalistischen Interesse hat sich zunehmend auch ein filmisches entwickelt. Die HMS hat mich vor allem durch ihren guten Ruf und die hohen Praxisanteile im Studium interessiert. Als es mit der Bewerbung geklappt hat, bin ich nach Hamburg gezogen und dort bis heute geblieben.

Wird man dich in Zukunft öfter mit abendfüllenden Dokumentarfilmen sehen oder liegt dein Fokus nach wie vor auf Fernsehreportagen?

Pia Lenz Mein Herz schlägt für den Dokumentarfilm und ich arbeite bereits an meinem nächsten Projekt. Die Langzeitbeobachtung eines Paares, das seit vielen Jahrzehnten ein Leben teilt und nun am Ende der gemeinsamen Zeit auf einer Schwelle steht.
Titelfoto: Hennings Wirtz

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