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06.03.2017
Interview mit Pia LenzJa, wir schaffen das

Alles Gut

Am 23. März 2017 startet Alles Gut von Pia Lenz im Verleih von Rise And Shine in den deutschen Kinos. Die Journalistin und Filmemacherin erzählt am Beispiel zweier Kinder und deren Familien von den kleinen und den großen Hürden, die vor Geflüchteten liegen, wenn sie in Deutschland leben möchten. Der Film nähert sich den entscheidenden Konflikten, die es zu lösen gilt, damit Integration funktionieren kann. Pia Lenz spricht über ihren ersten abendfüllenden Kinofilm, für den sie die Familien in Hamburg über ein Jahr lang mit ihrer Kamera begleitet hat.

Was hat Sie dazu inspiriert, diesen Film zu drehen? Welche Geschichte der Migration und des Ankommens in Deutschland wollten Sie erzählen?

Die Idee zum Film entstand im Frühjahr 2015. Damals saß ich mit meinen Produzenten Carsten Rau und Hauke Wendler zusammen, die gerade ihren Dokumentarfilm Willkommen auf Deutsch ins Kino gebracht hatten. Mit knapp 200 Podiumsdiskussionen im Kino hatten wir frühzeitig den Eindruck, dass der Dokumentarfilm in einer politisch und sozial derart angespannten Lage wirklich was zu sagen hat. Dass aus dem Kino etwas in die Gesellschaft zurückfließen kann. Da haben wir das erste Mal begonnen, über einen Film wie Alles Gut nachzudenken; einen Film, in dessen Mittelpunkt nicht die Willkommenskultur in Deutschland steht, sondern die Fragen zur Integration Hunderttausender von Geflüchteten in diese Gesellschaft. Mir war es dabei von Beginn an wichtig, für meinen Film besonders die Perspektive der Kinder einzunehmen. Denn was bei Erwachsenen oft Jahre dauert, vollzieht sich bei Kindern innerhalb von wenigen Monaten: Neue Schule, neue Sprache, neue Freunde. Kinder legen los, haben erste Erfolgserlebnisse, scheitern, machen weiter, finden in einer fremden Gesellschaft einen Platz für sich.
„Mir liegt am Herzen, dass wir die Stimmen hören, die selbst ihre Geschichte erzählen, von der Suche nach Glück und Würde.“
Pia Lenz

Alles Gut ist Ihr erster langer Dokumentarfilm. Zuvor haben Sie erfolgreich als Journalistin gearbeitet. Wie hat Ihr "journalistischer Blick" die Arbeit an diesem Film beeinflusst?

In den vergangenen Jahren habe ich mich als Fernsehjournalistin immer wieder mit dem Thema Flucht und Migration beschäftigt, zuletzt bei meiner 30-minütigen Reportage Mujib – Ohne Eltern auf der Flucht, die 2015 in der ARD lief. Bei kürzeren, journalistischen Reportagen, kann ich Protagonisten selten regelmäßig und über einen längeren Zeitraum begleiten. Man hat eher eine bestimmte Fragestellung oder sogar These im Kopf und der geht man nach.
Bei meinem Film Alles Gut wollte ich mit einem breiteren, offenen Blick an das Thema herangehen. Das ist das Spannende und auch die Herausforderung bei dieser Art von Dokumentarfilmen: Dass es nicht möglich ist, vorab ein fertiges Drehbuch zu schreiben, sondern dass man sich als Autorin und Regisseurin auf die Ereignisse, vor allem aber auf die Menschen vor Ort einlassen muss. Bei Alles Gut wollte ich also ohne eine feststehende These an das Thema herangehen und trotzdem einen politischen Film machen, der am Ende zu einer klaren Aussage kommt. Und die lautet in diesem Fall: Ja, wir schaffen das. Wir bekommen die Integration Hunderttausender Geflüchteter hin. Aber nur unter der Voraussetzung, dass wir einander zuhören und uns auch den schwierigen Fragen stellen.

Wie haben Sie die Familien kennengelernt?

Wir haben zufällig von der neuen Wohnunterkunft in Hamburg-Othmarschen erfahren, die auf einer Grünfläche in der Nähe der Loki Schmidt Schule gebaut werden sollte. Gemeinsam mit meinen Produzenten habe ich dann frühzeitig Kontakt mit der Schulbehörde und "Fördern und Wohnen", dem Betreiber der Hamburger Flüchtlingsunterkünfte, aufgenommen. Denen haben wir von unserer Filmidee erzählt. Glücklicherweise waren die beteiligten Behörden in diesem Fall sehr kooperativ und gaben schnell ihr Einverständnis, so dass wir auch in der Container-Unterkunft drehen durften – das war damals in Hamburg eine absolute Ausnahme. Nur so war es möglich, dass ich ab dem ersten Tag, an dem die neuen Bewohner in die Unterkunft eingezogen sind, vor Ort sein konnte.

Adel, den Familienvater aus Syrien, habe ich gleich am ersten Tag in der Unterkunft getroffen. Er fiel mir auf, weil er mehr lachte, als alle anderen. Wir sind ins Gespräch gekommen und er hat mir erzählt, dass er vier Kinder hat, die aber noch mit seiner Frau in Syrien waren. Ich wusste schon nach diesem ersten Gespräch, dass ich Adels Geschichte unbedingt weiter verfolgen wollte. Obwohl es für den Film natürlich ein Wagnis war, weil die Familie, also auch seine Kinder, ja noch nicht in Deutschland waren und ich sie vorab nicht kennenlernen konnte. Dass Ghofran nach ihrer Ankunft dann so einen Eindruck auf mich machte, weil sie so empfindsam und trotzdem eigenwillig und stark ist, das war Zufall und ein bisschen Glück.

Djaner und seinen Bruder habe ich auf dem Spielplatz der Wohnunterkunft getroffen. Die beiden Jungs fielen mir sofort auf. Der eine, Mahmud, wirkte sehr traurig und verschlossen, während sein Bruder Djaner den halben Spielplatz auf den Kopf stellte. Ich habe dann später einfach an der Zimmertür des Containers geklopft, in dem die beiden mit ihrer Mutter wohnten und habe sie an mehreren Tagen hintereinander für ein paar Stunden besucht. Dabei haben wir uns kennengelernt und dann gemeinsam mit Alisa, ihrer Mutter, beschlossen, dass ich Djaner mit der Kamera begleiten konnte.

Wie können wir uns die Dreharbeiten vorstellen? Wie einfach oder schwierig war es, in den wichtigen Momenten mit der Kamera dabei zu sein?

Die Dreharbeiten waren nicht einfach. Ich habe den Großteil von Alles Gut allein gedreht, mit einer kleinen Kamera, um den Alltag der Familien und ihre Entwicklung möglichst unverfälscht beobachten zu können. An einigen wenigen Drehtagen hatte ich einen befreundeten Kollegen dabei, der bei herausragenden Ereignissen mit einer zweiten Kamera gedreht hat.

Wie geht es den Familien aus dem Film heute?

Beide Familien leben nach wie vor in Hamburg. Djaner und sein Bruder Mahmud sind noch in Kinderheimen untergebracht und weiter von ihrer Mutter getrennt. Da hat sich an dem Stand, zu dem der Film am Ende kommt, leider nichts verändert. Ihre Mutter Alisa wird psychologisch behandelt, weil sie von den Ereignissen der vergangenen Jahre völlig überfordert war und dadurch krank geworden ist. Vor allem bei Djaner spüre ich aber eine deutliche Verbesserung seines Gesamtzustandes. Mag sein, dass das an der Stabilität und Sicherheit liegt, die er im Heim erfährt. Er ist heute deutlich ausgeglichener und kommt in der Schule besser klar. Das kann aber auch daran liegen, dass er nicht mehr jede Nacht befürchten muss, gleich abgeschoben zu werden, wie es ja im Film noch der Fall ist.

Ghofran besucht an ihrer Schule mittlerweile den regulären Unterricht, weil sie in der "Internationalen Vorbereitungsklasse" so gute Fortschritte gemacht hat. Im Moment spricht sie oft davon, dass sie das Abitur machen und irgendwann Medizin studieren möchte. Die Familie ist gerade in ihre erste eigene Wohnung in Hamburg gezogen. Adel besucht jeden Abend einen Deutschkurs, er möchte so schnell wie möglich eine Arbeit finden. Bis hierhin ist dieser schwierige, hochkomplexe Prozess Integration für Adels Familie also sehr gut gelaufen, nicht ohne Hürden, aber trotzdem sehr gut. Das freut mich wirklich sehr.

Alles Gut startet am 23. März in den deutschen Kinos. Weitere Kinostarts des Monats.

Ihr Film lief nun auf ersten Festivals. Wie waren die Reaktionen des Publikums?

Alles Gut lief bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck vor ausverkauftem Saal. Das Publikum dort hat sehr emotional auf den Film reagiert. Das hat mich als Filmemacherin wirklich berührt, gerade weil es das erste Mal war, dass ich das persönlich so miterleben konnte. Einige Zuschauer fühlten sich bei Alles Gut sehr an eigene Erfahrungen in der Flüchtlingshilfe erinnert und beschrieben den Film als sehr realitätsnah. Das hat mich natürlich sehr gefreut. Mir persönlich liegt mit diesem Film der Wunsch am Herzen, dass wir in der öffentlichen Debatte auch wieder die Stimmen hören, um die es in den letzten Monaten so still geworden ist: Die Stimmen meiner Hauptfiguren, die – egal ob sie aus Mazedonien oder Syrien stammen, egal ob sie Muslim oder Christ sind, Erwachsener oder Kind – selbst ihre Geschichte erzählen, von der Suche nach Glück und Würde. Anstatt immer öfter Angst vor dem Fremden zu haben, müssen wir uns mehr zuhören und uns kennenlernen.

Produziert wurde Pia Lenz' erster abendfüllender Kino-Dokumentarfilm von Hauke Wendler (Pier53) und Carsten Rau, den Machern des Films Willkommen auf Deutsch. Die Filmmusik von der Band The Notwist ist aktuell für den Dokumentarfilmmusikpreis des DOK.fest München nominiert worden, wo der Film im Wettbewerb laufen wird. Nach der Deutschland-Premiere 2016 bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck, läuft Alles Gut im März beim One World Prague Festival.
In Hamburg feiert der Film am 19. März im Abaton-Kino Premiere. Weitere Sonderveranstaltungen finden am 26. März um 20.00 mit der Regisseurin und am 10. April um 20.00 Uhr mit anschließende Diskussion in Zusammenarbeit mit Flüchtlingsrat Hamburg statt.

Rise And Shine Cinema

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