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16.02.2017
Innovatives Filme Machen

Art Girls

Die Hochschule für Bildende Künste Hamburg (HFBK) bietet in Zusammenarbeit mit dem Institut Forschender Film und EYZ-Media einen partizipativen Kurs zum Thema "Innovatives Filme Machen" an. Die 32 Videolectures des Autoren, Regisseurs und HFBK-Professors Robert Bramkamp werden in einer linearen Kursstruktur im Rahmen eines GitBook angeboten und von einem Wiki zu verwandten filmtheoretischen und -politischen Fragen begleitet. Wir haben Robert Bramkamp zu seinem neuen Projekt befragt.

Was verstehen Sie unter innovativem Filmemachen und was ist das Ziel Ihres Projektes?

Wir möchten mit unserem Kurs in erster Linie zentrale Begriffe der Film- und Fernsehbranche neu bewerten und aktualisieren und ein breites Interesse für die Entwicklung einer demokratisch legitimierten und auch produktiveren Bewegtbildkultur wecken. Gerade eine ambitionierte Kultur der bewegten Bilder kann mentale, emotionale und somit auch politische Handlungsräume entscheidend erweitern. Den Rahmen für das Wiki mit zahlreichen Gastbeiträgen renommierter Filmwissenschaftler*innen und -theoretiker*innen und die Video-Lectures bietet die Hamburg Open Online University (HOOU). Hier kooperieren die Hamburger Hochschulen für eine gemeinsame Online-Öffentlichkeit, mit dem Ziel, die akademische Sphäre für demokratische Partizipation anschlussfähiger zu machen.

"Innovatives Filme Machen" umfasst einen 15-wöchigen Onlinekurs und ein Wiki.

Was genau wollen Sie denn "neu bewerten"?

Im Grunde beginnt alles mit der nötigen Gestaltungsfreiheit im Umgang mit Genres. Sie müssen veränderbar und kombinierbar sein. Was etwa versteht man beispielsweise unter "Dokufiktion"? Die Einen verstehen darunter, dass historisches Lexikonwissen von Komparsen in Kostümen nachgestellt wird. Letzteres wird als "Fiktion" bezeichnet und das nachgestellte Lexikonwissen als "Doku", weil es sich um dokumentierte Fakten handelt. Im scharfen Kontrast zu einer solchen Dokufiktion ohne wirkliche Fiktion plädiere ich dafür, die abbildbare Realität genau zu beobachten, ohne den Blick vorab von journalistischen oder narrativen Erzählinteressen zensieren zu lassen. Dann gilt es, die dokumentarische Situation mit Phantasie und wirklicher Fiktion anzureichern und erzählerisch zu strukturieren.

Mit welchen Formen sich die Fiktion auf das Eigenleben einer dokumentarischen Situation einlassen kann und diese filmisch transformiert, das erzählt unsere Lecture "Doku-Fiktion und hybride Genres". Sie beschreibt Dreharbeiten, die in Kooperation mit 200 Katastrophenschutz-Helfern des Deutschen Roten Kreuzes und Technischen Hilfswerks im Rahmen eines dokufiktionalen SciFi-Settings stattfanden. Dabei entstanden jenseits unseres habituellen, medialen Katastrophismus unerwartete und hilfreiche "Spielebenen der Wirklichkeit" wie es die Stuttgarter Zeitung so treffend beobachtet hat.

Sie plädieren also für mehr Freiheit und im Grunde für die Auflösung der Genres?

Ich plädiere für einen freien Umgang mit Genres. Deren Kombination oder Mischung ermöglicht Innovation. Deshalb erstaunt es mich, warum man immer noch an einer „Genre-Klarheit“ festhält. Diese Forderung nicht nur der ARD-Programmkoordination scheint bis heute die gängige Fernsehpraxis zu dominieren und auch die Kinoproduktion stark zu beeinflussen. In der  Lecture "Hybride: Potenziale der Doku-Fiktion" mit Prof. Dr. Rembert Hüser von der Universität Frankfurt geht es genau um das Gegenteil, nämlich, dass die "Vermischung" geradezu das "Gesetz der Genres" ist. Aber auch Unterscheidungen wie Dokumentarfilm, Spielfilm, Animationsfilm und Experimentalfilm strukturieren als denkfaule Gewohnheit das mögliche Filmemachen und ebenso die Konstruktion von Filmgeschichte.
„Was macht Themen relevant? Sollten Filme überhaupt von Themen ausgehen, die anderswo als 'relevant' gehegt werden? Was wäre, wenn Firmen oder Stadtviertel, Personen oder Kunstwerke neue Fragen aufwerfen und auch die Initialzündung geben dürften?“
Robert Bramkamp

Und was ist mit der Geschichte? Wollen Sie auch das Drehbuch abschaffen?

Ich frage mich schon, ob das Drehbuch weiterhin die wichtigste Voraussetzung für einen guten Film ist. Oder wurde diese Textform nicht längst zu einem Kontrollinstrument, das "Genre-Klarheit" ebenso wie das sogenannte "klassische Erzählen" durchsetzt und Innovation dadurch wirksam verhindert? In der Lecture "Das Drehbuch und andere Textsorten bei der Filmproduktion" wird diese nichtfilmische, weil nur schriftliche Form bewegte Bilder zu erfinden, unter die Lupe genommen und durch unterschiedliche Textformen der Filmproduktion ergänzt. Damit gehen dann auch gleich innovative Möglichkeiten einher, den Prozess der Drehplanung und Projektvorbereitung als "audiovisuelle Stoffentwicklung" zu intensivieren.

Dabei stelle ich mir auch die Frage, ob nur die Assoziationsfähigkeit, Beflissenheit oder Routine einsam schreibender Autor*innen Stoffe für Filme erzeugen? Was macht Themen relevant? Sollten Filme überhaupt von Themen ausgehen, die anderswo als "relevant" gehegt werden? Was wäre, wenn Firmen oder Stadtviertel, Personen oder Kunstwerke neue Fragen aufwerfen und auch die Initialzündung geben dürften?

In gleich zwei Lectures erläutere ich, wie etwa die Medieninstallation Angels in Chains von Susanne Weirich die Möglichkeiten der Filmerzählung erweitert (Lecture "Erzählung: Wie?"). Damit ist auch die Zeit des liebenswert nostalgischen Erzählers vorbei. Jenseits der auktorialen Erzählung öffnet sich die filmische Erzählfunktion zu innovativeren Optionen. Vielstimmige Erzählweisen erkennen die heutigen digitalen Archive als Teil unserer Alltagsrealität an. (Lecture "Erzählung: Wer?"). Sie stellen sich der Aufgabe, unser Leben in der "digitalen Relation" (Laurence A. Rickels) demokratisch mitzugestalten. So stellt Prof. Dr. Michaela Ott in der Lecture "Kunst als Erzähler" Affektion als ein Alternativkonzept zu starren Dramaturgiemustern vor und entwirft einen Gegenmodus zu allen Formen der Kausalkonstruktion. Das Versprechen ist: In einem innovativen Film ist die Welt mehr als das Handeln von Figuren aus dem 19. Jahrhundert, es ist keine Familienaufstellung mit "ganzen, echten Menschen", die, laut Georg Seeßlen, immer noch "eine faule Lüge" sind. Affektion ebenso wie innovative Filme nehmen demgegenüber das Beziehungsgeflecht auf vielen Ebenen war, von dem wir ständig beschenkt werden. In der Lecture "Rezeption als Dialog" entwirft Seeßlen eine Idee von innovativer Filmkommunikation, die über die landläufige Vorstellung von Botschaften und Themen hinausgeht. Stattdessen entwirft er einen Erzählraum, der ein "beglückendes Übertragen von Freiheit" ermöglich kann.

Sie plädieren also für filmische Freiheiten auf allen Ebenen. Was ist mit der Postproduktion? Gibt es auch eine Montagefreiheit?

Ja, unbedingt! Grundlegend für die filmische Entfaltung von realitätsnaher Vielstimmigkeit ist es, auch der Montage mehr Freiraum zu gewähren. Die Editorin Janine Dauterich demonstriert dies visuell in der Lecture "Montage". Aus dem Eigenleben des Materials entspringt die Qualität der Überraschung. In der Montage entsteht eine Bedeutung, welche die ursprünglichen Intentionen überschreitet.

Umso spannender ist auch der soziale Herstellungsprozess. Die Forderung an innovative Film-Produzent*innen lautet: "Integriert mehrere parallele Produktions- und Erzählwirklichkeiten – wie im wirklichen Leben!" oder der Lecture "Kollektive Montagen: Vielstimmigkeit". Allein in der Animationsabteilung des Beispielfilms Art Girls oder des TV-Spin Offs Neue Natur waren zehn unterschiedliche Autor*innen involviert, wodurch eine dichte Vielstimmigkeit entsteht. Und es entstehen moderne Filmfiguren, die erkennbar aus verschiedenen Schichten der Realität zusammengesetzt sind und dennoch darin navigieren können, wie etwa die animierten fliegenden Frösche (Lecture "3D Einführung. Charakter, Animation, Compositing").

Allerdings muss es der Rhythmus der Postproduktion ermöglichen, die unterschiedliche Animations-Fantasie von zehn Autor*innen in die entstehende filmische Welt einfließen zu lassen. Es geht nicht länger nur darum, im Drehbuch aufgeschriebene Spezialeffekte brav nachzubauen. Die Erfindungen der Animation und des Schneideraums können mit innovativen Produktionsstrukturen rückgekoppelt werden in die Weiterentwicklung einer innovativen filmischen Welt.

Was bedeutet das genau?

Die Einen erwarten individuelle Erzählwelten vom Kino. Die Anderen wollen – wie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen – nur eine Vorstellung von Realität habituell bestätigen, als einzige, alternativlose Realität, die ich "Retrorealismus" nenne. Bei so unterschiedlichen Ansichten stellt sich die Frage, ob innovatives Filmemachen gezwungenermaßen auch einen filmpolitischen Diskurs mittragen muss, um überhaupt stattfinden zu können (Lecture "Förderung, TV-Kooperation") oder um die Arbeitsbedingungen für die unterschiedlichen Gewerke zu verbessern, die ihre Fähigkeiten in innovativen Projekten entwickeln wollen. Das betrifft zum Beispiel auch das Sound Department.
Robert Bramkamp

Robert Bramkamp dreht seit 25 Jahren innovative Spielfilme, in denen das Verhältnis von Fakt und Fiktion immer wieder andere, faszinierende Verbindungen eingeht. In seinen Arbeiten verbindet er Dokumentar-, Essay- und Spielfilm und findet dabei unkonventionelle Perspektiven für ein thematisch weit gefächertes Erzählen. Seit April 2008 ist Robert Bramkamp Professor im Studienschwerpunkt Film und digitales Kino an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg.

Das Sound Department?

In der Lecture "Sound Design mit Foleys" stellt der Geräuschemacher Peter Roigk mit Mischtonmeister Silvio Naumann zunächst einen der beruhigendsten aller Sounds vor: Schritte. Der Klang der Schritte ist unser akustischer Fetisch, der das Handeln der Figuren und die umgebende Welt kausal verbindet, Schritt für Schritt. Aber das Sound Design kann auch ein innovatives Labor für zuvor unerhörte, fantastische akustische Objekte sein (Lecture "Mehrschichtige akustische Objekte"). Solche Filmfiguren machen als polyphone Objekte sinnlich, wie wir alle aus Schichten und Teilhaben, aus vielen persönlichen oder präindividuellen Geschenken gemixt sind. Womit wir wieder bei den fliegenden Kröten wären, die "ganze, echte Menschen" dann nur erkennen und auch gar nicht schlucken sollen. Den Anderen wird mit innovativem Sounddesign eine zeitgenössische Performance angeboten – eine dynamische Bewegung, die zwischen Disneyfizierung und historischen Echos, Schwarmintelligenz und Cyborgexistenz, kreatürlicher Anstrengung und starkem Seitenwind zu einer überraschenden, modernen Artikuliertheit findet - auch wenn das Landen in der Elbe anfangs noch danebengeht.

Und was der an der HFBK entstehende Kollektivfilm "Offensiv Experimentell – Dazu den Satan zwingen" zum Projekt beiträgt, das besprechen wir dann beim nächsten Mal.

Gerne.

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